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10/01/2011 / bennoru

Tagebuch einer Dame

München, Juni 2012

Im September 1907 taucht in den Schaufenstern Münchener Buchläden ein Buch mit dem verdächtigem Titel „Tagebuch einer Dame“ auf. Kein Verfasser, kein Herausgeber – das machte das Buch doppelt verdächtig. Ein Bayerischer Beamter entdeckt das Buch, blättert darin und bringt den Stein ins Rollen: Das Buch wird beschlagnahmt und gegen die Urheber wird wegen Unzüchtigkeit ermittelt. Details sind in der Fallstudie des Literaturwissenschaftlers Olaf Simons dargestellt:

Zensurfall Tagebuch einer Dame von Olaf Simons

Die Untersuchungsbehörden ermitteln Benno Rüttenauer als Herausgeber. Auch die Einleitung stammt von ihm  und nicht – wie angegeben – von einer Freundin. Den Ermittlern gelingt es, die Alias-Namen der beteiligten Personen zu entschlüsseln. Auch hier taucht Rüttenauer wieder auf (als „Georg Ringwald“) – ebenso wie seine Schriftstellekollegen Michael Georg Conrad (Dr. Schöneman), Max Halbe (Bissig) und Frank Wedekind (Franz Weidlich) und weitere Persönlichkeiten der Münchener Bohème.

„Mangels Nachweisbarkeit des Bewusstseins der Unzüchtigkeit des Buches“ wurde gegen Verlag und Herausgeber nicht weiter ermittelt. Einige inkriminierte Stellen mussten aber unkenntlich gemacht bzw. entfernt werden. Um die Kosten dafür wurde gefeilscht; das ganze entwickelte sich zur Justizposse.

Der Redakteur und Schriftsteller Thomas Grasberger  hat den Stoff zu einem Radio-Feature verarbeitet:

Tagebuch einer Dame – Literarische Zensur in der Prinzregentenzeit – die Sendung lief am 10.12.2006 in Bayern 2.

Die Verfasserin des Tagebuchs, Elfriede Meinhold, war 1906 verstorben. Es ist anzunehmen, dass sie verfügt hatte, das Tagebuch dürfe erst nach ihrem Tod veröffentlicht werden. Die Handlung spielt zu Beginn des zweiten Burenkriegs (1899 – 1902), für den sich die Protagonistin vergeblich als Sanitäterin bewirbt. Rüttenauer wohnte damals noch in Mannheim.

Man kann sich darüber streiten, ob die Bedeutung dieses Werks mehr auf dem Gebiet der Rechtsgeschichte oder mehr auf dem der Literatur liegt, aber es ist auf jeden Fall ein Dokument der Zeit. Es erzählt von den damaligen gesellschaftlichen Zwängen, von München, vom Föhn, vom Nockherberg, vom Cafe Luitpold, sehr viel von Benno Rüttenauer alias Georg Ringwald und natürlich Einiges über die weibliche Psyche – da verspricht die Einleitung nicht zu viel. Das Tagebuch beleuchtet einen wichtigen Abschnitt in  Rüttenauer’s Leben. Erst nach seiner relativ späten Heirat 1904 mit 49 Jahren verlief sein Leben in geordneteren Bahnen.

Seit 2013 steht das Tagebuch einer Dame in digitalisierter Form innerhalb des Projekts Gutenberg – DE online zur Verfügung.

C. R.
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