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11/03/2018 / bennoru

Benno Rüttenauer und sein Heimatort Oberwittstadt

In seinen Werken nennt Rüttenauer seinen Heimatort meistens „Hinterwinkel“. Man braucht wohl wenig bösen Willen, darin etwas Negatives zu sehen: Ein Dorf, ganz weit weg von allem, was die Welt bewegt, im Vorgestern gefangen, ohne jegliche Bedeutung und Größe. Und in vielerlei Hinsicht traf das ja auch in der Realität zu. Aber ganz so einfach war das dann doch nicht und machte es sich Rüttenauer auch nicht.

Eigentlich hatte er durch seine Herkunft kaum etwas vom Leben zu erwarten. Wie er im Nachwort zu der Novellensammlung „Aus der Landschaft von Hinterwinkel“ wissen lässt, war die von den Vorvätern geerbte Gerberei während seiner Kindheit bankrott gegangen. „Wir waren nun arm“, schreibt er dort. Wenig besser werden es die Bauernfamilien gehabt haben. Viele von ihnen waren mit Mühe und Not Selbstversorger und nicht wenige übten zusätzlich ein Handwerk aus, mit dem sie mehr schlecht als recht über die Runden kamen. Eher aus Verzweiflung als aus irgendeinem positiven Antrieb heraus sahen viele junge Leute ihre einzige Chance auf ein besseres Leben in der „großen, weiten Welt“. Tatsächlich sind damals viele in die schnell wachsenden Industriestädte oder noch häufiger in die USA ausgewandert. Der Lexel im „Alexander Schmälzle“, der viele autobiografische Züge des Autors trägt, beschäftigt sich auch schon in frühen Jahren mit solchen Gedanken.

Wohl sehr bald nach der Volksschulzeit, also im Alter von wahrscheinlich erst 14 Jahren, verließ Rüttenauer seinen Heimatort, aber diese Jahre liegen weitgehend im Dunkeln. Walter Brecht weiß in seinen „Geschichten aus der Geschichte von Oberwittstadt“ zu berichten, dass er die Präparandenschule in Tauberbischofsheim besucht hatte, bevor er als Student an das Lehrerseminar in Ettlingen wechselte und bereits mit zwanzig Jahren als Lehrer an der Knabenschule in Ettlingen angestellt war. Man darf wohl unterstellen, dass er gerade in dieser Zeit schwierige Lernprozesse durchlebte, bis er sich allmählich „draußen in der Welt“ zurechtfand. Diese Phase muss unweigerlich mit heftigem Heimweh verbunden gewesen sein und macht vielleicht auch die tiefe Verbundenheit mit seiner Mutter verständlich. Dass er in dieser Zeit zu Hause „köstliche Ferien“ verlebte, wie er es seinem Protagonisten Paul in dem Roman „Zwei Rassen“ (Berlin, 1898) in den Mund legt, ist absolut nachvollziehbar. Aber nach der gleichen Quelle kam es schon bald zu heftigen Verwerfungen mit seinem Heimatort. Paul begründet diese mit Veröffentlichungen, die von den Mitbürgern missverstanden wurden, was dazu führte, dass sich die Konflikte immer mehr hochschaukelten. Was dabei im Einzelnen gemeint war, ist mir bislang nicht klar, denn noch habe ich keine Veröffentlichung gefunden, die dafür ursächlich gewesen sein konnte.

Der Konflikt mit dem Heimatdorf war auf jeden Fall mehr als ein Jahrzehnt älter. In der Literaturzeitschrift „Die Grenzboten“ war 1887 „Die heilige Magdalena von Witscht“ in drei Teilen erschienen, bei der Rüttenauer später den Untertitel „Eine dokumentierte Geschichte“ ergänzte. Inhaltlich geht es darin um eine Sekte, deren Anführerin in seinem Heimatort über zwei Jahrzehnte ihr Unwesen trieb, indem sie unter den Augen der katholischen Kirche zahlreichen verblendeten Anhängern Hab und Gut abgenommen hatte, ohne von staatlicher Seite oder der Amtskirche in die Schranken gewiesen zu werden. In seinem Nachwort wehrt sich der Autor gegen den Vorwurf, er habe damit die Kirche in Misskredit bringen wollen und besteht darauf, dass seine Ausführungen ausnahmslos wahrheitsgemäß gewesen seien. Es ist aber höchst unwahrscheinlich, dass diese Veröffentlichung von irgendjemand in seinem Heimatdorf zur Kenntnis genommen worden  wäre. Zudem kommen darin die Mitbürger seines Heimatortes nicht schlecht weg; es wird deutlich, dass fast alle Anhänger der „Heiligen Magdalena“ Auswärtige waren.

Ein Jahr später (1888) erschien bei Reclam „Sommerfarben“ mit einigen Erzählungen, unter anderem auch mit einer gekürzten Version der „Heiligen Magdalena von Witscht“. Ein weiterer Text hätte den Lesern aus Oberwittstadt auffallen müssen: „Der Philosoph an der Straße“. Bei dem Protagonisten der Handlung geht es um einen Steineklopfer, der trotz schwerer Schicksalsschläge ein zufriedenes Leben führt, obwohl er als Erbe des Schollhofs Hab und Gut verloren hat und jetzt im Armenviertel seines Dorfes, dem „kleinen Dörfle“, ein ärmliches Leben fristet. Vieles, was der Steineklopfer über sein Dorf erzählt, lässt sich auch heute noch als authentisch wiedererkennen und Oberwittstadt zuordnen. Diesmal kommen seine Landsleute nicht so gut weg, insbesondere, weil sie keine Gelegenheit auslassen, über ihre Mitbürger abfällig herzuziehen. Die Kritik gipfelt in der Namensgebung für den Ort: Rüttenauer nennt ihn „Krähfelden“! Also war bereits zu dieser Zeit das Verhältnis des Dichters zu seinem Heimatort massiv gestört.

Wo die Auseinandersetzungen ihren Ursprung hatten, bleibt bislang im Dunkeln. Aber eines wird klar: Rüttenauers Veröffentlichungen fanden offensichtlich nicht das Wohlgefallen der katholischen Kirche. Überdeutlich wird dies in „Studienfahrten“ (1902). Hier wehrt er sich in einem „Brief an meine Mutter“ gegen die Vorhaltungen des Pfarrers, er sei ein „Verlorener“, ein „Feind der Religion“ und stellt diesen anhand einer Parabel mit den Pharisäern auf eine Stufe, die ähnlich kleinkariert Jesus kritisiert hatten. Genau genommen passt der Brief überhaupt nicht in das Buch. Um so mehr ist davon auszugehen, dass es R. ein wichtiges Anliegen war, sich gegen diese Vorhaltungen zu wehren. Ihm selbst hätte diese Kritik ziemlich egal sein können, denn sein Lebensmittelpunkt war längst weit weg. Aber er wusste, wie sehr seine Angehörigen und ganz besonders die geliebte Mutter, eine alte, tief religiöse Frau, darunter zu leiden hatten.

Im Bewusstsein der Oberwittstadter fiel dann das Hauptaugenmerk aber auf den „Alexander Schmälzle“ (1913). Für den unvoreingenommenen Leser ist dieser Roman ein wundervolles Buch, das auch in vielerlei Hinsicht seine tiefe Verbundenheit mit seiner Heimat unter Beweis stellt. Aber die damaligen Leser – viele werden es nicht gewesen sein – scheiterten an dem Buch, weil sie keinerlei Umgang mit literarischen Texten hatten. Man rätselte darüber, welche Dorfbewohner mit den einzelnen Figuren gemeint seien. Weil sie nicht so recht zu den realen Dorfbewohnern passten, kam man geradezu zwangsläufig zu dem Ergebnis, das ganze Buch sei „erstunken und erlogen“ und nahm das dem Autor ausgesprochen übel. Bei dieser Wahrnehmung blieben zwangsläufig die positiven Aspekte auf der Strecke.

In Wirklichkeit tauchen sein Heimatdorf und die weitere Umgebung immer wieder in Rüttenauers Werk auf. Mal sind es Landschaftsbilder und die dazugehörenden Tiere und Pflanzen, die irgendwo in einer seiner Erzählungen den Rahmen bilden. Oft sind es Menschen in ihrem bescheidenen Alltag oder auch im Zusammenhang mit festlichen Anlässen, die typische Besonderheiten seiner fränkischen Heimat als Handlungsträger darstellen. Aber diese zu finden und als solche zu erkennen, blieb den meisten Lesern verschlossen. Nur wer mit diesen Begebenheiten und mit Rüttenauers Arbeitsweise vertraut ist, stößt immer wieder auf überraschende Inhalte, die ihm eine bedingte Zuordnung möglich machen. Bedingt deshalb, weil solche Bilder dann immer wieder verwoben sind mit Ausführungen, die eben nicht real waren. Und natürlich sind R.s Rückbesinnungen auf die alte Heimat auch durch den wachsenden zeitlichen Abstand immer schwieriger zu erkennen.

Rüttenauer scheint mit den Vorwürfen, die ihm lange Zeit heftig zusetzten, wie man in „Zwei Rassen“ erfährt, dann doch recht souverän umgegangen zu sein. Das zeigt sich Jahre später im „Alexander Schmälzle“ (1913), wo der Dorfpfarrer zwar – sicher zu Recht – als absolut dominante, aber keineswegs als negative Figur dargestellt wird. Bei einer Neuauflage von „Sommerfarben“, in der zuvor auch die „Heilige Magdalena von Witscht“ veröffentlicht war, wurde jetzt auf den angefeindeten Text verzichtet. Vielleicht ist innerhalb der katholischen Kirche auch erkannt worden, dass R. sich in seinen zahlreichen Aufsätzen immer wieder als gläubiger Katholik erwiesen hatte. In Oberwittstadt selbst hat man natürlich auch wahrgenommen, dass er trotz aller Kritik Jahr für Jahr in seine Heimat zurückkehrte. Wie weit man in dem Dorf mitbekam, dass R. in vielen seiner Werke recht häufig kurze Episoden einbaute, die zweifelsfrei hier ihre Wurzeln hatten, ist freilich nicht bekannt. Aber ich behaupte, dass den meisten Zeitgenossen in „Hinterwinkel“ diese Veröffentlichungen nicht bekannt waren. So ganz allmählich legte sich dann bei den meisten Leuten der Frust und man war zunehmend stolz auf den großen Mitbürger, der immer wieder bei seinem Bruder zu Besuch weilte und sogar dafür sorgte, dass immer ein Fässchen Oberwittstadter Most in seinem Münchner Haus vorrätig war.

Den positiven Höhepunkt in der Beziehung Benno Rüttenauers mit seiner Heimatgemeinde bildete dann natürlich die Verleihung der Ehrenbürgerrechte anlässlich seines 70. Geburtstages. Sein Dankbrief wurde ganz bestimmt auch mit großer Freude zur Kenntnis genommen. Die alten Wunden waren bei den meisten verheilt, auch bei Rüttenauer selbst, der noch im hohen Alter regelmäßig die beschwerliche Reise von München nach Oberwittstadt auf sich nahm. Es darf sicher unterstellt werden, dass er hier in „Hinterwinkel“ ein Stück arme, aber in vielerlei Hinsicht doch heile Welt erlebte, fernab von dem Rummel, der Hektik und den Ärgernissen der Großstadt.

Walter Brecht schreibt in seinem Heimatbuch dazu: „Freilich nannte er das Dorf in seinen Werken gerne „Hinterwinkel“. Aber damit ist nicht die negative Billigkeit der Winkelpoeten und Winkeladvokaten gemeint. Wir müssen darin die glückliche und friedvolle Abgeschiedenheit und Geborgenheit im Ofenwinkel an den langen Winterabenden sehen. Und wenn die manchmal spitze Feder Rüttenauers ein paar alte Oberwittstadter Originale noch mehr überzeichnete, dann war das dichterischer Überschwang und Liebe, wie sie sich in dem Wort zeigt: Was sich liebt, neckt sich.“ Und Brecht schließt: „Diese Worte sollen eine weitere Station auf dem Weg der Verehrung des Dichters sein. Sie können seinen Ruhm nicht mehr vergrößern, aber sie sollen die Liebe der Wittschter zu ihrem großen Dichter neu erwecken und vertiefen!“ Dem möchte ich nur eines hinzufügen: Wir Oberwittstadter haben allen Grund, auf den großen Sohn und sein Werk stolz zu sein und die Erinnerung daran zu pflegen. Es gibt wenige Dörfer, denen je ein so hervorragendes literarisches Erbe geschenkt wurde.

Benno Rüttenauers anbei wiederholtes Gedicht darf durchaus als späte Liebeserklärung an sein Heimatdorf verstanden werden:

 

Vom Leben zu versäumen

Hab ich nicht mehr viel.

Nahe rückt das dunkle Ziel.

Übrig bleibt ein karger Rest!

Gern möchte ich ihn verträumen

Unter weißen Blütenbäumen

In dem heimatlichen Nest!

 

© Gerhard Weiß, Ravenstein-Oberwittstadt

 

 

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