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29/10/2015 / bennoru

„Dichtung“ und „Wahrheit“ in Rüttenauers Werk

Anlässlich des 75. Todestages von Benno Rüttenauer lud der Heimat- und Kulturverein Oberwittstadt zu einem Vortrag ein, in dem Gerhard Weiß Leben und Werk des Autors unter besonderer Berücksichtigung der vor Ort spielenden Texte vorstellte. Dabei ging er besonders auf die Frage ein, wie weit sich Rüttenauer an historischen Tatsachen hielt bzw. wo er seine dichterische Freiheit nutzte.

Im Jahr 1938 schrieb Benno Rüttenauer für das Boxberger Heimatheft „Mein Boxberg“ einen Artikel mit dem Titel „Herkunft und Heimat“. Dort äußerte er sich auch über sein erfolgreichstes Werk, den „Alexander Schmälzle“: „Er wird fast immer ein autobiographischer Roman genannt. Das ist er nicht. Oder doch höchstens in seinem Innerlichsten. Alles Äußerliche darin ist, wie meine lieben Landsleute zwar böswillig aber ganz richtig immer behauptet haben, erstunken und erlogen.“

Wie weit Rüttenauer historische Vorgänge dokumentiert bzw. wie stark er seine dichterische Freiheit genutzt hat, ist natürlich nach weit mehr als hundert Jahren nur noch begrenzt festzustellen. Mir ist nur ein Vorgang bekannt, über den ein zeitgenössischer Sachbericht vorliegt, der auch von Rüttenauer literarisch aufgegriffen wurde. Es handelt sich dabei um einen Ballon der französischen Armee, der im deutsch-französischen Krieg von 1870/71 bei Oberwittstadt niederging.  Walter Brecht hat dazu einen Zeitungsbericht in der Mergentheimer „Tauber-Zeitung“ gefunden und in seinem Heimatbuch „Geschichten aus der Geschichte von Oberwittstadt“ veröffentlicht.

Zu dem Geschehen ist dort zu lesen: „Gestern Nachmittag zwischen 4 und 5 Uhr ließ sich ein Ballon und zwar No. 7 d. d. Metz, 11. Septbr. 1870 hier auf einer Anhöhe nieder, dessen Adresse: „Armée du Rhin, Post aerostatique des pharmaciens de la garde imperiale“ mit dem unten angehängten Ballot – 63 Brieflein enthaltend – Ort und Namen der Adressaten genau bestimmt. Die Brieftasche mit der Überschrift: …  Wir ermangeln nicht, so weit möglich der da ausgesprochenen Bitte zu entsprechen und ließen durch das Bürgermeisteramt den Ballon mit Ballot heute dem Bezirksamt Boxberg übermitteln. Es war gestern doch keine starke Luftströmung von Westen her, und doch, wir entnehmen es aus einzelnen Briefen, die am selbigen Tage morgens vor Abgang geschrieben worden, machte die Luftpost in so kurzer Zeit, ca. 10 Stunden, einen so weiten Weg…“ Eingerahmt wird dieser äußerst knappe Bericht von aggressiver Kriegspropaganda, die den erfolgreich verlaufenden Feldzug gegen den französischen Erbfeind ausführlich bejubelt. Das eigentliche Geschehen bildet dafür lediglich den nötigen Aufhänger.

Ganz anders bei Rüttenauer, der in der Reihe „Dichter der Gegenwart, Bd. 11 – Der Teufel als Glöckner“ unter dem Titel „Eine Kriegserinnerung“ den Vorgang sehr viel ausführlicher, aber auch inhaltlich deutlich verändert darstellt:

Eine Gruppe von Hinterwinkler Knaben, unter ihnen der Ich-Erzähler, macht an einem sonnigen Sonntag im Oktober ein Reisigfeuer, um in dessen Asche auf den abgeernteten Äckern gesammelte Kartoffeln zu braten. Man unterhält sich über den Krieg und beneidet die großen Brüder, die gegen die Franzosen – die stellt sich der Junge als Menschenfresser vor – kämpfen dürfen. Plötzlich entdecken sie einen Ballon, der sich an den Beinen des Wetterhahnes an der Kirchturmspitze verfangen hat. In aller Eile rennen sie zur Kirche und besteigen den Glockenturm, bis in die Spitze, wo sich eine Luke als Ausstiegmöglichkeit für die Dachdecker befindet. Der Ballon ist allerdings nicht zu greifen. Man holt eine Sense und zersticht den Ballon, worauf dieser zusammensackt und auf den Kirchhof hinunterfällt. Dort schneidet man den angehängten Beutel auf. Bei Rüttenauer heißt es dann: „Und das war wie ein halbflügges Nest. Die Vögel flatterten heraus und fielen zu Boden – eine ganze Anzahl beschriebener Papierchen in allen Farben, in blaßrot und zartem Blau und Zitronengelb und rosig angehauchtem Grau wie Fliederblust und Malvenblüten, und ein Duft von tausend Wohlgerüchen ging davon aus….“ Die Tochter des Pfarrers ist die einzige Dorfbewohnerin, die die französischen Briefe lesen und übersetzen kann. Rüttenauer fährt fort: „Und da war von nichts die Rede als von herzlieben Müttern und Schwestern, von heißgeliebten Bräuten, die in der Ferne trauerten und verzweifelten, Worte des Trostes und der Ermunterung, Worte heiliger Zärtlichkeit, Worte sorgender Liebe.“

Rüttenauer lässt seinen Erzähler den Vorgang abschließend wie folgt kommentieren: „Ich stand und lauschte. Das Hirtenbüble im Hinterland staunte. Es hatte sich Krieg und Feinde ganz anders vorgestellt. Aber ein kleines Hirtenbüble aus Hinterwinkel ist ja nicht berufen, über die großen Fragen des Daseins Bescheid zu wissen.“

Beide Texte haben den gleichen Vorgang zum Inhalt – und doch unterscheiden sie sich grundlegend. Aus dem Zeitungsbericht erfahren wir nur, dass der Ballon am 11. September auf einer Anhöhe bei Oberwittstadt niedergegangen sei und sein Ballot 63 Brieflein enthalten habe. Der ganze Fund wurde an das Bezirksamt weitergeleitet. Über ihren Inhalt erfährt man absolut nichts. Eine Übereinstimmung mit Rüttenauers Text könnte der genannte Termin sein, denn der 11. September 1870 fiel tatsächlich auf einen Sonntag. Aber das Sonntagsvergnügen der „Dorfknaben“ –  das Kartoffelfeuer – passt kaum, denn die Kartoffelernte war vermutlich etliche Wochen später.

Alles andere ist „Dichtung“, nicht nur die Einleitung mit der sonntäglichen Freizeitgestaltung der Buben und ihren naiven Vorstellungen vom Krieg, die in ihrer Unterhaltung zum Ausdruck kommen, sondern auch, dass der Ballon ausgerechnet an dem Wetterhahn des Kirchturms hängen bleibt und dort nur nach erheblichen Bemühungen heruntergeholt werden kann. Das alles macht das Geschehen anschaulich und erzeugt die gewünschte Spannung. Für den Höhepunkt, nämlich die Vermittlung des Inhalts der Briefchen, musste sich der Dichter dann noch etwas Besonderes einfallen lassen: In dem eigentlich katholischen Hinterwinkel konnte natürlich niemand Französisch, deshalb der Trick mit der evangelischen Pastorentochter. Einer solchen Person konnte man mit einiger Fantasie zutrauen, dass sie Französisch gelernt hatte. Dies war nötig, denn der Inhalt der Briefe ist für Rüttenauer die Quintessenz seiner Erzählung: Die Franzosen sind keine Menschenfresser, sondern Menschen wie du und ich. Sie haben Angst vor dem Krieg, sehnen sich nach Hause zu ihren Liebsten. Die abschließenden Sätze sollen den Leser animieren, seine Vorstellungen über Krieg und Feinde zu überdenken. In der Zeit, als diese Erzählung entstand, war diese Einstellung sehr unüblich. Viel häufiger begegnete man dem Hurrapatriotismus, der alles menschliche Leid missachtete.

Wenn man das Geschehen von 1870 und Rüttenauers literarische Umsetzung vergleicht, dann hat man vielleicht auch ein Stück weit eine Basis dafür, den „Alexander Schmälzle“ besser zu verstehen, als dies seinen Zeitgenossen in Oberwittstadt möglich war. Ich kann mich noch an Gespräche erinnern, die ich vor fast fünfzig Jahren mit einigen alten Mitbürgern geführt habe, die gewisse Figuren aus dem Roman ganz bestimmten Dorfbewohnern zuordneten. In wenigen Fällen ist das sogar naheliegend, so etwa bei dem Pfarrer Bartelmeyer, dessen historisches Vorbild der langjährige Ortspfarrer Bartholme war und der Müllerfamilie in der Nachbarschaft.

Aber Rüttenauer ging es nicht darum, Personen und Vorgänge dokumentarisch darzustellen. Das beginnt schon mit der eigenen Familie: In dem Roman gibt es keine Großeltern und der Lexel hat keine Geschwister. Der Vater ist Schneider, wobei dieser Beruf die Möglichkeit bot, bei der Arbeit in vielen Häusern – auch in Nachbardörfern – herumzukommen. Schneider symbolisieren in der Literatur oft die kleinen, schwachen Leute. Seine Herkunft liegt im Dunkeln, denn er wurde von einer durchreisenden Frau geboren, die Stunden später tot in ihrer Herberge aufgefunden wurde. Während die Romanfigur des Vaters wenig mit dem eigenen Vater zu tun zu haben scheint, kann man sich vorstellen, dass die der Mutter sehr eng an Rüttenauers Mutter angelehnt ist: Sie ist sehr bescheiden, jederzeit hilfsbereit und eine von tiefer Religiosität geprägte Frau, die ihren Sohn auch nach dieser Maxime erzieht. Rüttenauer scheint eine innige Verbundenheit zu ihr gepflegt zu haben, er widmete ihr sogar seine Erzählungssammlung „Siebenschön“, eine seiner frühen Veröffentlichungen. Im Roman befindet sich das Elternhaus auf der „Insel“ zwischen Haselbach und Mühlgraben – in Wirklichkeit stand es neben den beiden Wasserläufen. Davon abgesehen sind die Beschreibungen des Dorfes und der Gemarkung sehr realistisch.

Bei den Romanfiguren ist das nicht der Fall. Kein Zufall ist es, dass der Pfarrer Bartelmeyer, neben Lexel, dem Helden des Roman, als wichtigste Figur der Dorfgemeinschaft bereits in der ersten Zeile erscheint. Die Dorfpfarrer waren in jener Zeit absolut tonangebend. Rüttenauer bezeichnet ihn als „geistlichen Dorfregenten“, „königlichen Schulinspektor“, „Hinterwinkler Seelenhirt und Blumenzüchter“. Er ist ein Mann mit positiven und auch negativen Charakterzügen, auf jeden Fall ist er jedoch derjenige, nach dessen Pfeife alle zu tanzen haben. Man hat den Eindruck, dass damit der typische Dorfpfarrer recht lebensnah dargestellt ist.

An zweiter Stelle wäre dann natürlich der Bürgermeister zu nennen, aber im „Alexander Schmälzle“ gibt es keinen Bürgermeister! Das ist umso überraschender, als in Rüttenauers Oberwittstadter Zeit hier Christian Philipps dreißig Jahre lang (1852 – 1882) dieses Amt inne hatte, länger als jeder andere Dorfvorstand vor oder nach ihm. Man wird wohl unterstellen dürfen, dass damit zum Ausdruck gebracht werden sollte, dass er nicht viel zu sagen hatte – oder aber, dass er Rüttenauer nicht sympathisch war und er ihn deshalb schlicht überging. Ähnliche Emotionen sind gegenüber der benachbarten Müllerfamilie zu vermuten, denn auch sie kommt in dem Roman schlecht weg.

Und der Dritte im Bunde wäre dann der Dorfschulmeister Langbein. Doch er steht total im Schatten des Pfarrers, der damals ja tatsächlich noch sein direkter Vorgesetzter war. Ein strenger Blick des Geistlichen genügt – und der Lehrer bricht seine Erklärung mitten im Satz ab. Die sprichwörtliche Armut des Dorfschulmeisters klingt dadurch an, dass sein Sohn Christian als kleiner Schulbub mitten im Sommer an „Zehrung“ stirbt.

Ansonsten sind die Figuren sehr vielschichtig aufgebaut. Die positivste Rolle kommt dem Steuerperäquator Heinzelmann zu, der dem kleinen Lexel zunächst als Gottvater erscheint. Dieser alte Junggeselle fördert den kleinen Lexel nach Möglichkeiten, aber bei manchen Dorfbewohnern gilt der gebildete Einzelgänger fast schon wieder als Außenseiter. Der Nachbar Nepomuk Rotermund, ein Korbmacher und vielseitiger Musiker, gehört ebenfalls zu den positiven Gestalten.

Den negativen Gegenpol bilden der reichste Bauer des Dorfes, der „Blessenbauer“, und der Krämer Blankenhorn. In ihrer Geldgier sind sie zu jeder Schäbigkeit bereit und erziehen auch ihre Söhne Finzer bzw. Artur nach dieser Maxime. Bei der Blessenbäuerin weiß man nicht, ob man sie in ihrem ekelerregenden Zustand verachten oder bedauern soll. Jedenfalls wird in ihrem Fall überdeutlich, dass ihr Leben alles andere als erstrebenswert ist.

Eine üble Sonderrolle kommt dem Müller in der Nachbarschaft zu. Da diese Situation der Realität entsprach, muss man in diesem Fall absolutes Verständnis für dessen tiefgreifende Verärgerung über den Roman haben, denn Rüttenauer lässt sich keine Gelegenheit entgehen, den Müller, „der mehr Schulden auf dem Rücken hat als an manchen Tagen Körner auf seiner Mühle“, immer wieder negativ zu thematisieren. Was ihn dazu getrieben hat, lässt sich nach hundertfünfzig Jahren natürlich nicht mehr klären. Ich könnte mir aber gut vorstellen, dass die beiden Nachbarn grundsätzliche Konflikte wegen dem Wasser im Haselbach bzw. dem Mühlgraben hatten. Der oberhalb wohnende Müller nutzte das Wasser sicherlich so, wie es für seinen Betrieb vorteilhaft war. Dass Rüttenauers Vater, dessen Gerberei einen Steinwurf talwärts damit manchmal seine liebe Mühe und Not hatte, muss fast zwangsläufig unterstellt werden. Und ganz offensichtlich liefen die Geschäfte der Gerberei noch schlechter als die des Müllers. Im Nachwort zu „Geschichten aus der Landschaft von Hinterwinkel“ schreibt Rüttenauer selbst, dass sich durch die Folgen der industriellen Revolution sein Vater den Betrieb während seiner Kindheitszeit aufgeben musste: „Zum Glück für meine Nase verkrachte das Geschäft… Wir waren nun arm.“

Doch in dem Roman gibt es noch ärmere Leute. Zu ihnen zählt die alte Müllerin, die – von Ihrer Familie ausgestoßen – ein erbärmliches Leben fristet. Wohl eine Generation jünger ist die Hanne Strohmelker, die als Steineklopferin  schwerste Männerarbeit verrichten muss, um sich ihren schäbigen Lebensunterhalt zu verdienen. Schuld an ihrer schlimmen Situation ist, dass sie lange Jahre zuvor den unehelichen Sohn Cyprian zur Welt brachte, der als junger Erwachsener das Dorf verlassen hat, um nicht das gleiche Schicksal erdulden zu müssen. Und dann zeigt Rüttenauer in seinem Roman sehr geschickt, wie die hübsche Cölestine Bächle durch ihr leichtfertiges Verhalten ins gleiche Schicksal stürzt: Sie wird schwanger und wird in der Kirche nicht mehr an ihren angestammten Platz gelassen, sondern muss neben Hanne Strohmelker in der letzten Bank Platz nehmen. Dass diese Degradierung ausgerechnet in der Kirche stattfindet, ist bestimmt kein Zufall.

Neben der Hauptfigur gibt es lediglich einen, dem ein gesellschaftlicher Aufstieg gelingt. Als nach der Schlacht von Tauberbischofsheim eine preußisch-hamburgische Militäreinheit zur Einquartierung nach Hinterwinkel kommt, ist unter ihnen ein besonders auffällig gekleideter, mit Orden geschmückter Offizier. Eines Tages reitet er ins Armenviertel, das kleine Dörfle, und bindet dort sein Pferd an der schäbigen Behausung der Hanne Strohmelker fest. Neugierig gefolgte Kinder hören, wie sie völlig überrascht und laut jubelnd ihren so lange vermissten Sohn Cyprian begrüßt. Dieser verlässt das Dorf bald wieder, ohne mit irgendjemand gesprochen zu haben, ein Hinweis darauf, dass er die Menschen, die ihn jahrelang gedemütigt hatten, jetzt von sich aus meidet. Für den kleinen Lexel wird Cyprian zu einer Art Leitbild: Wenn man es zu etwas bringen will, muss man hinaus in die große, weite Welt.

Eine besondere Rolle spielt Olga, die kleine Tochter des Nepomuk Rotermund. Sie ist die Freundin von Lexel während ihrer gemeinsamen Kinderjahre. Gerade die Szenen mit den spielenden Kindern, oft aus deren Perspektive erzählt, gehören zu den besonders ansprechenden Passagen des Romans. Rüttenauer entwickelt diese beiden Figuren auch weiter, bis sie sich als jugendliche Erwachsene bei ihren Besuchen zu Hause wiederholt sehen, aber trotz aller Sympathie für einander vor lauter Schüchternheit nicht zusammenfinden. Der dumme, derbe Finzer, der Sohn des Blessenvogts, hat da keine Hemmungen und ist im entscheidenden Moment schneller. Lexel hat das Nachsehen. Aber auch Olga gelingt es durch eine in Stuttgart lebende Tante, der dörflichen Abgeschiedenheit zu entkommen.

Ganz prinzipiell ist festzuhalten, dass Rüttenauer nicht in einem einzigen Fall Familiennamen benutzt, die in Oberwittstadt seinerzeit vorkamen. Schon deshalb war es unsinnig, die Romanfiguren einzelnen Dorfbewohnern zuzuordnen und sich dann zu beschweren, die ganze Handlung sei „erstunken und erlogen“. Aber wer hatte vor hundert Jahren unter den Dorfbewohnern Zugang zur Literatur? Für einen großen Teil derer, die den „Alexander Schmälzle gelesen haben, wird es das erste und vielleicht einzige Buch gewesen sein. Wahrscheinlich hätten sich manche gewünscht, dass nur äußerst positive Gestalten in dem Buch vorkämen, was natürlich kein lesenswertes Werk ermöglicht hätte. Aber Rüttenauer hat Licht- und Schattenseiten dargestellt. Zu den negativen Erscheinungen gehören beispielsweise die übel verhunzten Vornamen vieler Leute, doch das entsprach noch den tatsächlichen Gegebenheiten vor wenigen Jahrzehnten.

Besonders beeindruckend sind auch die Naturbeschreibungen. Rüttenauer erweist sich als Naturkenner und -liebhaber, der hier wunderschöne Bilder vor den Augen des Lesers entstehen lässt. Man weiß ja von ihm, dass er mit großer Freude bis ins hohe Alter lange Spaziergänge unternahm. Dabei wurden ihm zahllose Tiere und Pflanzen vertraut und dieses Wissen stand ihm bei seinen literarischen Arbeiten zur Verfügung.

Ähnlich wie schon bei seiner „Kriegserinnerung“ mit dem französischen Ballon, allerdings viel ausführlicher, beschreibt der Dichter die Schlacht bei Tauberbischofsheim während des preußisch – österreichischen Krieges 1866. Die ganze Gefühlspalette wird genutzt, beginnend mit anfänglicher Neugierde, über Abenteuerlust, diffuse Angst und zunehmender Ernüchterung bis hin zu Verzweiflung und Todesangst. Während und nach der Schlacht erlebt man immer schlimmere Zerstörung mit vielen Verwundeten und Toten, sowohl unter den Zivilisten wie den Soldaten. Die ganze Absurdität des Krieges wird offenbar, als nach Ende der Kampfhandlungen zahlreiche grausam zugerichtete Verwundete hilflos zurückbleiben, während die Soldaten, die erst Stunden zuvor auf einander geschossen hatten, jetzt gemeinsam ihre Toten bergen und in einem gemeinsamen Massengrab beerdigen. Trotz allem dauert es nicht lange, bis manche Kriegsheimkehrer die tollsten Heldentaten zum Besten geben. Doch Rüttenauers Fazit nach der Schlacht von Tauberbischofsheim lautet: „Ich hatte auf die Befriedigung meiner Schaulust gehofft, und ein Tag des Schreckens war mir daraus geworden.“ Diese Einschätzung ist besonders bemerkenswert, weil sie direkt am Vorabend des Ersten Weltkrieges entstanden ist, also zu einer Zeit, als Millionen europäischer Soldaten mit einer völlig irrationalen Begeisterung und bejubelt von der Zivilbevölkerung in den Krieg gezogen sind. Derartige Gedankengänge waren Benno Rüttenauer absolut fremd.

© Gerhard Weiß (www.gerhard50@gmx.de)

Anmerkung:
Die Veröffentlichung hier erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.

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