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29/10/2015 / bennoru

Benno Rüttenauer – Biografie

Oberwittstadt. Am 31. Oktober 2015 jährte sich der Todestag des fränkischen Schriftstellers Benno Rüttenauer zum 75. Mal. Dieser Gedenktag war ein willkommener Anlass für seinen Heimatort Oberwittstadt, seines größten Sohnes zu gedenken. Dazu lud der Heimat- und Kulturverein die örtliche Bevölkerung und alle interessierten Literaturfreunde in das Vereinsheim ein, wo Gerhard Weiß, Realschullehrer a. D., Leben und Werk Rüttenauers unter besonderer Berücksichtigung der in Oberwittstadt spielenden Texte vorstellte. Nach seinen Recherchen hat er dazu die folgende, wiederholt überarbeitete Biografie erstellt.

Man sollte meinen, dass das Leben eines Menschen, der erst vor 75 Jahren gestorben ist, noch recht detailliert und zuverlässig zu dokumentieren wäre. Aber bei Benno Rüttenauer ist das keineswegs der Fall. Das beginnt bereits mit seiner Geburt: Überall, auch in seinen eigenen Schriften, wird der 2. Februar 1855 genannt. Offensichtlich hat nicht einmal er selbst diesen Termin überprüft. Aber mir fiel bei der Durchsicht der Oberwittstadter Kirchenbücher auf, dass dort zwar an diesem Tag der Eintrag seiner Geburt erfolgte, diese allerdings eindeutig auf den „1. Februar, abends acht Uhr“ fixiert ist. Er wurde also bereits einen Tag früher geboren als allgemein bekannt – und wie zum Ausgleich hat man dann auch das Sterbedatum um einen Tag nach hinten geschoben. Von seinem Enkel Clemens Rüttenauer weiß ich, dass er bereits am 31. Oktober 1940 gestorben ist, nicht am 1. November.

Diese Daten mögen unerheblich sein. Aber auch die Herkunft und seine erste Lebenshälfte sind nur vage zu dokumentieren. Dass sein Vater und mehrere Generationen zuvor Gerber waren, ist unstrittig. Was er aber über deren Leben schreibt, ist keineswegs historisch. So soll laut seinem Beitrag in „Mein Boxberg“ (1938) unter dem Titel „Herkunft und Heimat“ eine Urgroßmutter aus Thüringen gestammt haben, wo deren Tante als Köchin in Goethes Haus beschäftigt war. Die Urgroßmutter wurde demnach 107 Jahre alt, aber die Kirchenbücher vermelden keine dazu passende Biografie. Sein Vater mag als Wandergeselle weit herumgekommen sein, aber dass er dabei neben vielen weiteren Städten sowohl nach Budapest wie auch nach Warschau und Kopenhagen kam, muss man dann doch nicht für bare Münze nehmen.

Unstrittig ist allerdings Bennos Volksschulzeit in Oberwittstadt, vermutlich in den Jahren 1861 bis 1869, eventuell auch ein Jahr später. In diese Zeit fiel dann ein Vorgang, den er literarisch verarbeitet hat, nämlich die Schlacht bei Tauberbischofsheim im preußisch – österreichischen Krieg von 1866, und zwar in seiner wiederholt aufgelegten Novelle „Weltgeschichte in Hinterwinkel“ (1908). Diese Darstellung wirkt zwar höchst authentisch, trotzdem ist kaum anzunehmen, dass er – ohne Rücksprache mit seinen Eltern! – als Elfjähriger mit einem Fuhrmann an die Front kam und das Kriegsgeschehen aus nächster Nähe miterlebte. Im Jahr 1913 übernahm er diesen Text in sein erfolgreichstes Werk, den Roman „Alexander Schmälzle“. Vier Jahre später, als er 15 Jahre alt war, ging während des deutsch – französischen Krieges 1870 bei Oberwittstadt ein Ballon der französischen Armee nieder. Auch diesen Vorgang hat er unter dem Titel „Eine Kriegserinnerung“ in „Der Teufel als Glöckner“ literarisch verarbeitet. Da allerdings ein Zeitungsbericht zu diesem Geschehen vorliegt, wird hier deutlich, dass es ihm nicht um eine historische Dokumentation ging.

Trotzdem haben beide Darstellungen einen ganz besonderen Wert: Kurz vor dem Ersten Weltkrieg, in der Zeit des exzessiven Militarismus in ganz Europa, stellt Rüttenauer den Krieg in seiner ganzen Brutalität dar. Sein Resümee nach der Tauberbischofsheimer Schlacht lautet: „Ich hatte auf die Befriedigung meiner Schaulust gehofft, und ein Tag des Schreckens war mir daraus geworden.“ Und angesichts der in dem bei Oberwittstadt niedergegangenen Ballon befindlichen Briefe der in Metz 1870 eingeschlossenen französischen Soldaten heißt es, er habe „sich Krieg und Feinde ganz anders vorgestellt“. Zur damaligen Zeit waren solche Äußerungen recht ungewöhnlich und bei der Obrigkeit auch keineswegs gerne gesehen. Er nahm damit wenige Jahre vor dem schrecklichen ersten Weltkrieg den höchst grotesken Widerspruch zwischen der anfänglichen Kriegsbegeisterung und dem verheerenden Kriegsverlauf vorweg.

Ob Benno Rüttenauer während des Frankreichfeldzuges überhaupt noch in Oberwittstadt lebte, ist ohnehin unklar. Die Volksschule hatte er auf jeden Fall hinter sich. Im „Alexander Schmälzle“ schreibt er, dass er auf Vermittlung des Pfarrers und königlichen Schulinspektors Barthelmeyer im „anderthalb Stündchen von Hinterwinkel entfernten …Eschelbrunn“ den kranken Schulmeister vertreten sollte. Damit könnte Erlenbach gemeint sein, aber vielleicht ist diese Erwähnung auch rein literarischer Natur. Nach anderen Darstellungen war er wohl vorübergehend Schüler der Präparandenschule in Tauberbischofsheim, wo er auch das detaillierte Wissen über die wenige Jahre zuvor stattgefundene Schlacht erworben haben wird, und anschließend studierte er am Lehrerseminar in Ettlingen.

Die älteste mir zugängliche Dokumentation über Rüttenauer fand ich im „Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart“, herausgegeben von Franz Brümmer im Jahr 1913. Dort steht: „Rüttenauer Benno, geb. am 2. Februar 1855 zu Wittstadt in Franken, wuchs in einem abgelegenen Talwinkel, dem „Hinterwinkel“ in seinen Novellen, fast ohne Schulbildung, aber unter mannigfaltiger, ihm durch glückliche Umstände zugeführter Lektüre von Klassikern, alten Volksbüchern und Geschichtswerken auf und wurde dann dem Lehrerstande zugeführt. Nach Absolvierung des Lehrerseminars in Ettlingen (Baden) 1875 wirkte er an einigen Orten dieses Landes, bis er eine Lehrstelle an der Oberrealschule in Freiburg i. Br. erhielt.“

Es ist mit großer Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass Brümmer diese Informationen zeitnah von Rüttenauer selbst oder aus dessen Umgebung eingeholt hatte. „Fast ohne Schulbildung“ klingt heftig. Wahrscheinlich war die örtliche Dorfschule nicht besser und nicht schlechter als all die anderen im weiten Umkreis, aber natürlich bot sie keine tragfähige Basis für eine wissenschaftliche Bildung, wie sie sich Rüttenauer später erarbeitet hat. Dem Leser des „Alexander Schmälzle“, der noch im gleichen Jahr veröffentlicht wurde, fallen da bei den „glücklichen Umständen“ natürlich sofort der Lateinunterricht bei Pfarrer Bartelmeyer und die vielfältigen Kontakte zu dem Steuerperäquator Otto Heinzelmann ein. Beide literarische Figuren haben einen historischen Hintergrund: Zum einen den Pfarrer Bartholme und insbesondere den Kaufmann Eduard Zenkel, dessen Großvater und Vater beide Lehrer in Oberwittstadt waren. Zenkels Wohnhaus, das nach seinem Tod 1888 als Stiftung an die Gemeinde fiel und auf seinen Wunsch hin als Kindergarten – bis heute – genutzt wird, ist das von dem kleinen Lexel so gerne aufgesuchte Gebäude in der Nachbarschaft, wo der bewunderte Mann inmitten seiner zahllosen Bücher und Musikinstrumente lebt und dem kleinen Freund zunehmend anspruchsvollere Werke zum Selbststudium überlässt.

Diese Informationen stehen teilweise im Widerspruch zu einem Bericht des „Karlsruher Tagblatts“ vom 6. Februar 1930, der anlässlich des 75. Geburtstags von R. erschienen ist. Hier wird die Studienzeit am Ettlinger Lehrerseminar exakt auf die Jahre 1871 bis 1874 fixiert, denen ein Einsatz als Unterlehrer an der dortigen Knabenschule bis 1877 folgte. Der Mitarbeiter der Zeitung erfuhr noch von Rüttenauers Schülern, dass sie in „boshafter Weise seinen Namen in ´Rillehauer´ umgeändert hatten, wegen der vielen ´Datze´, welche er auszuteilen pflegte“. Diese Darstellung erscheint mir aufgrund der detaillierten Informationen besonders glaubwürdig, zumal der Schreiber weitere Bezüge zum „Alexander Schmälzle“ herstellt, wo Rüttenauers frustrierende Auseinandersetzungen mit einer riesigen Klasse pubertierender Jugendlicher, aber auch sein kollegiales Umfeld in jenen Jahren offensichtlich recht realistisch darstellte. Es erscheint durchaus nachvollziehbar, dass sich in dieser Zeit bei ihm das negative Bild seiner Lehrertätigkeit ausgeprägt hat.

Mit neunzehn Jahren war Rüttenauer also bereits Lehrer und drei Jahre später unterrichtete er an einem Freiburger Gymnasium. Die folgenden Jahre scheinen sehr fruchtbar gewesen zu sein, denn er fand damals einen freundschaftlichen Kontakt zu dem friesischen Schriftsteller Wilhelm Jensen und begann mit ersten literarischen Versuchen. Gleichzeitig nutzte er die Nähe zur Universität und promovierte im Jahr 1882 mit dem Thema „Zur Vorgeschichte des Kriticismus und Idealismus“ zur Erlangung der philosophischen Doktorwürde.

Über zwanzig Jahre war er Lehrer in Ettlingen, Freiburg und ab 1888 in Mannheim, aber diese Tätigkeit unterbrach er immer wieder für lange Studienreisen in die Schweiz, nach Italien, Belgien, Nordafrika und besonders häufig und lange nach Frankreich. Er erarbeitete sich dabei ein großes Wissen als Kunstfachmann und hat viele Aufsätze und mehrere Bücher in diesem Bereich veröffentlicht. Bei Brümmer heißt es dazu: „Nach guter Philosophenart verlebte er den Winter 1883 in Südfrankreich, den Sommer 1884 und 1894 in Paris und später zwei Jahre in Italien.“ Nach Rüttenauers eigenen Aussagen wandelte er bei seinen Aufenthalten in Paris auch auf „Troubadourspfaden“, wie er im Nachwort zu „Aus der Landschaft von Hinterwinkel“ schreibt. In diese Zeit fiel seine erste Veröffentlichung „Siebenschön“ (1884), sein einziges in Reimen geschriebenes Werk, ein Kunstmärchen, das er seiner geliebten Mutter widmete. Mit dem Lehrerberuf scheint er dagegen nicht glücklich geworden zu sein, wie eine ganze Reihe seiner Aussagen dazu deutlich machen. Besonders kritisch äußerte er sich diesbezüglich in „Schülerjahre – Erlebnisse und Urteile namhafter Zeitgenossen“ (Berlin 1912). In den 1890er Jahren war er mit der Schriftstellerin Gabriele Reuter liiert und war auch der Vater ihrer unehelichen Tochter Elisabeth.

Die größte Zäsur in Rüttenauers Leben vollzog sich in den Jahren 1903 und 1904. Zunächst gab er den Lehrerberuf auf, zog nach München und wurde „Privatgelehrter, Schriftsteller und Vortragsmeister“ (Brümmer). Im folgenden Jahr heiratete er die Mannheimer Kaufmannstochter Karoline Stahl und wurde noch im gleichen Jahr Vater. Auf den Sohn Wolfgang folgte weitere zwei Jahre später die Tochter Irmingard. Das ansehnliche Vermögen seiner Frau ermöglichte ihm den Erwerb eines Hauses, das sich bis heute im Besitz der Familie befindet.

In den folgenden Jahrzehnten zählte er zu den wichtigsten Köpfen des Münchner Kulturlebens. Er schrieb zahlreiche Bücher, teils Fachliteratur zu verschiedenen künstlerischen Themen, aber überwiegend Novellen und Romane, von denen ein erheblicher Teil im Frankreich des 17. und 18. Jahrhunderts spielt. Man muss davon ausgehen, dass diese Werke zu einer Zeit, als sich Deutschland und Frankreich noch als Erbfeinde betrachteten, nicht unbedingt große Wertschätzung fanden, aber ihn scheint das nicht besonders beeindruckt zu haben. In Fachzeitschriften jener Zeit findet man auch heute noch zahlreiche Aufsätze zu literarischen Themen und Abhandlungen über die darstellenden Künste, Berichte über Wanderungen und Reisen und besonders viele Würdigungen und Nachrufe für verdiente Zeitgenossen. Den größten Erfolg hatte er mit dem 1913 erschienenen Roman „Alexander Schmälzle – Lehrjahre eines Hinterwinklers“. Besondere Verdienste erwarb er sich weiterhin als Übersetzer der Werke von Stendhal und Balzac. In den späten 20er Jahren las er sogar bei Rundfunkübertragungen aus seinen eigenen Werken. Leider sind davon keine Tonaufnahmen erhalten. Im Jahr 1928 wurde er in den Literaturbeirat der Stadt München berufen, der unter Führung des Nobelpreisträgers von 1929, Thomas Mann, zwei Jahre zuvor ins Leben gerufen worden war.

Der „Alexander Schmälzle“ spielt – wie etliche andere Werke auch – in seiner alten Heimat. In Oberwittstadt hatten manche Leser Probleme mit dem Inhalt. Ihnen gefiel nicht, dass einzelne Figuren keine besondere Wertschätzung erfuhren, einige Mitbürger fühlten sich ganz persönlich verunglimpft. Diese Kritik war allerdings in den meisten Fällen nicht angebracht, die literarischen Figuren transportieren nur wenige Vorgänge, die bestimmten Personen zugeordnet werden konnten. In Wirklichkeit ist der Roman ein hervorragend gelungenes Werk mit wunderbaren Naturbeschreibungen, Erzählungen aus der Kindheit, vielfach aus kindlicher Sicht, mit meisterhaft gestalteten Figuren. Es wird überdeutlich, dass Rüttenauer mit viel Sympathie das schwere Leben der armen Leute vermittelt und eine deutliche Distanz zu den „Starken“ der Gesellschaft wahrt. Keineswegs zufällig sind gerade einige Frauen als bedauernswerte Außenseiterinnen dargestellt.

Aber schon viel früher scheint seine Verbundenheit zu seinem Heimatdorf gestört worden zu sein. Im Jahr 1887 war in drei Quartalsheften der Zeitschrift „Grenzboten“ „Die heilige Magdalena von Witscht“ erschienen. Dieser Text beschäftigt sich mit einer Sekte, die einige Jahrzehnte lang in seinem Heimatdorf ihr Unwesen getrieben hatte, indem sie zahlreiche leichtgläubige Anhänger aus nah und fern um Hab und Gut brachte, von der katholischen Amtskirche allerdings kaum in die Grenzen verwiesen wurde. Es ist nicht anzunehmen, dass das in seinem Heimatdorf irgendjemand mitbekommen hat, aber es scheint doch heftigen Ärger ausgelöst zu haben und führte dazu, dass sich Rüttenauer veranlasst fühlte, ein kurzes Nachwort zu schreiben, in dem er sich gegen die zu erwartende oder vielleicht schon laut gewordene Kritik, „er habe eine versteckte, symbolische Satire auf die heilige katholische Kirche schreiben wollen“, wehrte. Und er fügte hinzu: „Wir verwahren uns feierlich gegen solche Insinuationen. Wir … haben nichts als Thatsachen berichtet, ohne jeden Nebengedanken.“ Ein Jahr später wurde der Text in etwas gestraffter Form im Band 2499 der Reclam-Universalbibliothek mit dem Titel „Sommerfarben – Optimistische Geschichten“ einem breiten Publikum zugänglich. Hier ergänzte er die Überschrift ausdrücklich durch den Untertitel „Eine dokumentierte Geschichte“ und wiederholte auch das Nachwort. Ich gehe davon aus, dass allein schon die Thematisierung der Vorgänge gewissen kirchlichen Stellen peinlich war und von ihnen, mochten sie auch noch so korrekt dargestellt sein, als Provokation empfunden wurde.

In seinem Roman „Zwei Rassen“ von 1898, der nachweisbar starke autobiografische Züge trägt, lässt er die Hauptfigur, Paul, darüber erzählen, wie aus anfänglicher Bewunderung und Stolz für den aufstrebenden Mitbürger schon sehr bald Ablehnung, ja sogar Hass wurde. Jetzt war ihm „der Aufenthalt in dem heimatlichen Nest widerwärtig“, obwohl er noch kurze Zeit vorher hier als Student „köstliche Ferien verlebt“ hatte. Dass der Pfarrer, der „geistliche Dorfregent“, wie er im „Alexander Schmälzle“ genannt ist, dabei keine positive Rolle gespielt haben wird, darf mit Fug und Recht unterstellt werden. In seinem „Brief an die Mutter“ vom Neujahr 1901, nachzulesen in „Studienfahrten“, wehrt er sich gegen die Vorhaltung des Pfarrers, er sei „ein Verlorener, ein Feind der Religion.“ Für Rüttenauer waren diese Auseinandersetzungen insbesondere deshalb so schmerzlich, weil er wusste, dass seine tief religiöse, von ihm so geliebte Mutter unter diesem Konflikt schrecklich litt. Ein Hinweis darauf, dass er auch selbst an einer Deeskalation interessiert war, gibt eine spätere Neuauflage von „Sommerfarben“, in der er auf den zuvor angefeindeten Text verzichtete.

Allmählich hatte sich auch in Oberwittstadt der Groll über den vermeintlichen „Nestbeschmutzer“ gelegt und man war zunehmend stolz auf den großen Sohn. Sicherlich war es kein Zufall, dass man ihm dann zu seinem 70. Geburtstag die Ehrenbürgerwürde verlieh, die erste und einzige, die die Gemeinde Oberwittstadt jemals jemandem zukommen ließ. (Der in Brechts „Geschichten aus der Geschichte von Oberwittstadt“ genannte Termin – der 75. Geburtstag – ist falsch. In mehreren Pressemitteilungen aus dem Jahr 1925 wird die Ehrung erwähnt.) Diese Auszeichnung nahm er hoch erfreut an. In seinem Dankschreiben heißt es: „Alle Ehrenbürgerrechte, die mir Universitäten und Weltstädte verliehen haben, verblassen gegen diesen Ehrenbürgerbrief von Wittscht: In der großen Stadt, da bin ich nur einer von vielen, hier aber, in Wittscht, da bin ich der 1. Ehrenbürger seit der Erschaffung der Welt.“ Und diese Einmaligkeit kann ihm auch künftig – also „bis ans Ende der Welt“ – niemand mehr nehmen, denn die Gemeinde Oberwittstadt gibt es nicht mehr.

In der Weimarer Zeit stand Rüttenauer im Zenit seines künstlerischen Wirkens. Neben zahlreichen Büchern entstanden in dieser Zeit unzählige Aufsätze zu ganz unterschiedlichen Themen, die man heute noch in alten Zeitungen und Fachzeitschriften finden kann. Zu seinem 75. Geburtstag, also im Jahr 1930, veranstaltete die Stadt München ein Festbankett, bei dem der bayrische Kultusminister, der Oberbürgermeister und zahlreiche Größen aus Kunst und Kultur, u. a. auch Literaturnobelpreisträger Thomas Mann, der Einladung folgten. Sein Verleger ehrte ihn durch eine Großauflage des besonders erfolgreichen „Alexander Schmälzle“ und eine Sonderausgabe mit dem Titel „Aus der Landschaft von Hinterwinkel“, in der auch drei Erzählungen enthalten sind, die in Oberwittstadt spielen.

Rüttenauer weilte bis ins hohe Alter im Sommer bei seinem Bruder im Elternhaus und war häufiger Gast bei der befreundeten Familie Ostner, den Besitzern des Gasthauses „zum Hirschen“. Dort war zu seinen Ehren noch in den 50er Jahren ein Dichterwinkel mit allen seinen Werken eingerichtet, bis diese durch einen Diebstahl unwiederbringlich verloren gingen. Vielleicht war dort auch das folgende Gedichtchen zu lesen, mit dem er im hohen Alter seine innige Verbundenheit mit der alten Heimat zum Ausdruck brachte:

Vom Leben zu versäumen

Hab ich nicht mehr viel:

Nahe rückt das dunkle Ziel.

Übrig bleibt ein karger Rest!

Gern möchte ich ihn verträumen

Unter weißen Blütenbäumen

In dem heimatlichen Nest!

In den Jahren danach wurde es ruhiger um ihn. Zu den im Jahr 1933 an die Macht gekommenen Nationalsozialisten hielt er sich auf Distanz. Wenn man seine Veröffentlichungen über all die Jahre kennt, ist einem klar, dass er die Naziideologie ablehnte. Das „Karlsruher Tagblatt“ nennt ihn in seiner Ausgabe vom 7. April 1932 auch als einen „Vertreter des deutschen Schrifttums“, der sich vor der Reichspräsidentenstichwahl für die Wiederwahl Hindenburgs und damit gegen Hitler positioniert hatte. Nach dessen Machtergreifung wurden bekanntlich alle Bereiche der Kultur „gleichgeschaltet“. Am 10. Mai 1933, dem Tag der Bücherverbrennung durch Goebbels in Berlin, wurden in München Thomas Mann „aus bekannten Gründen“ und Benno Rüttenauer „wegen seines Alters“ ohne ein Wort des Dankes aus dem Literaturbeirat ausgeschlossen. Aber vielleicht hat dabei seine Präferenz für Hindenburg auch eine Rolle gespielt. Ab dieser Zeit erschienen keine Bücher mehr von ihm, wobei unklar ist, ob er Repressalien ausgesetzt oder dies vielleicht doch seinem Alter geschuldet war. Eine letzte Ehrung wird ihn dann sicher noch besonders gefreut haben: Im Mai 1940, wenige Monate vor seinem Tod, wurde ihm der Johann-Peter-Hebel-Preis verliehen. Diese Auszeichnung ist bis heute der wichtigste Literaturpreis Baden-Württembergs nach dem Schillerpreis.

Leider wurde bei den Bombardements in den letzten Kriegsjahren auch Rüttenauers Wohnhaus schwer beschädigt, wobei der größte Teil des Inventars zerstört wurde. Dadurch und durch den radikalen Bruch in der Kulturpolitik nach dem verheerenden II. Weltkrieg geriet sein Werk weitgehend in Vergessenheit. In München wurde im Stadtteil Obermenzing noch 1947 der Rüttenauerplatz nach ihm benannt. In Oberwittstadt blieb sein Andenken noch einige Zeit länger präsent. Im Jahr 1955, an seinem hundertsten Geburtstag wurde in einer Feierstunde an seinem Geburtshaus eine Gedenktafel angebracht, die sich nach dessen Abbruch jetzt auch an dem Neubau befindet. Bei der Kreis- und Gemeindereform in den 70er Jahren wurde beschlossen, dass der Literaturpreis des Neckar-Odenwald-Kreises Rüttenauers Namen tragen sollte – aber eine solche Auszeichnung wurde nie vergeben und dieser Beschluss ist in der Zwischenzeit offensichtlich untergegangen. Der damaligen Klage der Bundespost, dass in der neuen Gemeinde Ravenstein gleichlautende Straßennamen in den Teilorten beseitigt werden sollten, kam der Gemeinderat mit extremer Konsequenz nach: In Oberwittstadt wurden selbst Jahrhunderte alte Straßennamen beseitigt; alle Straßen tragen seitdem – in Erinnerung an den großen Sohn – die Namen von deutschen Literaten. Aber es ist fraglich, ob dieser Zusammenhang noch vielen Leuten bewusst ist. Ansonsten ist Benno Rüttenauer auch in seinem Heimatort weitgehend vergessen.

Erst in den letzten Jahren scheint sich an dieser bedauerlichen Entwicklung etwas zu ändern, seit sich nämlich sein Enkel Clemens Rüttenauer um das Erbe des Großvaters bemüht. Dessen Engagement ist es zu verdanken, dass man sich über sein Leben und Werk in dem Online-Lexikon Wikipedia informieren kann und inzwischen viele seiner Bücher im „Projekt Gutenberg“ dokumentiert sind und im Internet gelesen werden können. Drei Titel  erfuhren Neuauflagen im Verlag „Tredition Classics“, von vielen Werken sind eBooks auf dem Markt. Natürlich sind zahlreiche Originalausgaben auch antiquarisch zu haben. Es besteht also eine echte Chance, dass Rüttenauers Werk auch künftigen Generationen zur Verfügung stehen wird. In jedem Oberwittstadter Haus sollte jedenfalls zumindest der „Alexander Schmälzle“ nicht fehlen.

© Gerhard Weiß, Ravenstein-Oberwittstadt

Anmerkung:
Die Veröffentlichung hier erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors. Letzte Aktualisierung: August 2017

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  1. Clemens Rüttenauer / Dez 5 2016 3:45 pm

    Im Roman Zwei Rassen (1898) begegnet Paul, der Protagonist, der unzweifelhaft Rüttenauers autobiografische Züge trägt, einem französischen Dichter und räsoniert: „Jules Francois bevorzugte vielmehr legendenartige Stoffe, drollige oder ernste, die er mit unendlicher Liebe behandelte, und mit der tiefpoetischen Absicht, zu zeigen, vielmehr empfinden zu lassen: daß hinter allen Kostümen und Formen, heiligen und profanen, immer dieselbe nackte Menschheit steckt, die ewig gleich arm und gleich reich ist, gleich niedrig und gleich erhaben, gleich schmutzwühlend und gleich hochfliegend, gleich lustig und gleich traurig, gleich hanswurstig und gleich ernst, im einzelnen wie im ganzen, eine ewige tragisch-komische Mischung von Tier und Engel, von Kaliban und Ariel.“
    Das ist genau die Haltung, die sich in Rüttenaers späteren historischen Novellen und Romanen widerspiegelt. Stammt die Anregung zu diesem „Kunstgriff“ von Jules Francois? Verbirgt sich hinter Jules Francois eine ebenso reale Gestalt wie hinter Paul? Wer ist Jules Francois?

  2. Albert Weiß / Nov 12 2015 9:32 pm

    Gut

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