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02/02/2011 / bennoru

„Benno Rüttenauer“ in „1200 Jahre Oberwittstadt“

Geboren am Lichtmeßtag (2.2.) 1855 in Oberwittstadt, starb Benno Rüttenauer an Allerheiligen (1.11.) 1940 in München. Das Geburtshaus des Dichters steht noch. Hier, in der Gerberei des Vaters, verbrachte Benno Rüttenauer seine Kindheit, die arm aber glücklich war. Gleich daneben lag sein Klein-Venedig, das durch den Hasselbach und den Mühlkanal gebildet wurde. Benno Rüttenauer selbst schreibt: „Zum Glück für meine Nase verkrachte das Geschäft, das durch Generationen (im Pfarrbuch wird schon 1586 ein Gerber genannt) und Generationen orangengelb geblüht, aber ganz anders geduftet hatte.“ Der Zusammen­bruch des väterlichen Geschäfts war kein Einzelfall. Viele der ehemals zahlreichen Oberwittstadter Handwerker und Geschäftsleute mußten damals nach und nach aufgeben – Zeichen der neuen Zeit, der Indu­strialisierung.

Die Schule besuchte Rüttenauer in Oberwittstadt. Daneben hatte er beim Ortsgeistlichen Lateinunterricht. Er sollte durch seinen Fleiß einen Altersgenossen anspornen, der vermutlich Pfarrer werden sollte. Ob es dem genützt hat, wissen wir nicht. Benno jedenfalls mußte nicht Hausknecht werden, wie seine Verwandten vorgeschlagen hatten. Dank seiner Tüchtigkeit und seiner Lateinkenntnisse durfte er auf die Präpa-randenschule (Vorbereitungsschule) in Tauberbischofsheim und dann auf das großherzogliche Lehrerseminar in Ettlingen. Ettlingen und Frei­burg waren seine ersten Lehrerstellen. In Freiburg studierte er weiter und wurde dort „Lehrer an einem großmächtigen Gymnasium“. Rüt­tenauer schätzte seine pädagogischen Fähigkeiten gering ein. „Aus einem Musterschüler, der ich einmal war, ist kein Musterlehrer gewor­den.“ Hier untertreibt Benno Rüttenauer. Ein phantasiebegabter Mensch wie er, konnte bestimmt die Jugend mitreißen.

Das Geburtshaus Benno Rüttenauers mit der gewölbten Hasselbachbrücke

In Freiburg machte Rüttenauer seinen Doktor der Philosophie mit einer Arbeit über die Vorgeschichte des Kritizismus und Idealismus. In Frei­burg erwachte durch den Umgang mit dem ostfriesischen Dichter Wilhelm Jensen der Wunsch, selbst Dichter zu werden. Vielleicht reiste Rüttenauer deshalb durch Südfrankreich und nach Paris.

Nach der Rückkehr wurde er als Gymnasiallehrer nach Mannheim ver­setzt, was ihm zuerst gar nicht recht war. Doch gewann er die „nahr­hafte“ Stadt lieb. „Und in Mannheim wurde ich ein Schriftsteller“, das sind seine Worte. In Mannheim lernte er auch seine Gemahlin kennen, die er heiratete, nachdem er 1903, von einer Italienreise heimgekommen, sich endgültig in München niedergelassen hatte. Von da an lebte er als freier Schriftsteller.

Die meisten Werke Rüttenauers spielen im Frankreich des Barock und Rokoko, wobei der Dichter eine ganz erstaunliche Kenntnis der franzö­sischen Geschichte und der französischen Sprache aufzeigt. Aber ge­rade das brachte Rüttenauer damals den Ruf eines „Französlings“ ein, der er doch gar nicht war. Er liebte das Nachbarland. Es wäre bes­ser gewesen, seine Zeitgenossen zu beiden Seiten des Rheins hätten ähnlich gedacht. Vieles wäre Deutschland und Frankreich erspart ge­blieben. Erst recht aber liebte Benno Rüttenauer Deutschland. Wer nicht glaubt, daß der Dichter ein guter Deutscher war, der lese den „Alexan­der Schmälzle, Lehrjahre eines Hinterwinklers“. Der ist echt deutsch.

Rüttenauer mußte um Anerkennung ringen. Es war kein leichter Weg vom Volksschullehrer über den Gymnasiallehrer zum Dr. der Philosophie und bekannten Dichter, dessen 75. Geburtstag mit einem Festbankett in der Münchener Ratstrinkstube gefeiert wurde. Die Stadt München selbst hatte das Bankett ausgerichtet. Neben zahlreichen Persönlichkeiten des deutschen Geisteslebens waren beide Münchener Bürgermeister und der bayrische Kultusminister anwesend.

Einer der treuesten Freunde und Förderer Rüttenauers war Freiherr R. v. Fugger. Er sagte vom Werk des Dichters: Die Werke Rüttenauers offenbaren Schönheitssinn, Lebensfreude, Menschenkenntnis und son­nigen Humor.

Ein weiterer Beweis für die Schätzung des Dichters und seiner Werke, die ihm von Freunden und Kennern jederzeit uneingeschränkt zuteil wurde, war die Verleihung des Johann-Peter-Hebel-Preises im Mai 1940. Dabei war Benno Rüttenauer alles andere als ein Freund der damali­gen Machthaber. Diese Ehrung kam wenige Monate vor seinem Tod.

Es soll nicht getadelt werden, aber das Verhältnis einiger Wittschter zum größten Sohn des Dorfes war zeitweise etwas unterkühlt. Der Prophet gilt nicht in seinem Vaterland. Vor allem wurde ihm vorgewor­fen, er hätte Oberwittstadt und manchen Bewohner lächerlich ge­macht. Freilich nannte er das Dorf in seinen Werken gerne „Hinter­winkel“. Aber damit ist nicht die negative Billigkeit der Winkelpoeten und Winkeladvokaten gemeint. Wir müssen darin die glückliche und friedvolle Abgeschiedenheit und Geborgenheit im Ofenwinkel an den langen Winterabenden sehen. Und wenn die manchmal spitze Feder Rüttenauers ein paar alte Oberwittstadter Originale noch mehr über­zeichnete, dann war das dichterischer Überschwang und Liebe, wie sie sich in dem Wort zeigt: Was sich liebt, das neckt sich.

Mit seinem „Alexander Schmälzle“, mit dem „Simulorum“, mit „Die hl. Magdalena und der hl. Josef von Witscht“, mit dem „Schweden-Spiel“ hat Benno Rüttenauer Oberwittstadt ein unvergängliches Denkmal gesetzt. In vielen seiner Geschichten diente Oberwittstadt als Vor­lage für Ortsbeschreibungen. Immer wieder werden das Kurie, der Dörrhof, das Kleine Dörfle, der Burkengraben erwähnt, die jetzt Dich­ternamen tragen, der Dörrhof sogar den Rüttenauers. Das hätte Benno Rüttenauer nicht geduldet. Dagegen hätte er auf echt Deutsch gepoltert.

Manche werfen dem Dichter religiöse Freigeisterei vor. (Hat er doch „Die dreißig tolldreisten Geschichten“ des Franzosen Balzac ins Deut­sche übersetzt – großartig übrigens, wie Fachleute feststellten.) Das ist falsch. Benno Rüttenauer stellte seine Frömmigkeit nur nicht groß zur Schau. Es werden nicht viele wissen, daß der Dichter fast bei keinem Heimatbesuch versäumte, zur schmerzhaften Mutter Gottes von Neusaß zu pilgern. Hören wir dazu noch einmal R. v. Fugger: „Benno Rüttenauer, der so gern auf den sonnigen Wegen des Südens wandelt und in fremden Ländern aus verstaubten alten Chroniken seine Ge­schichten herausgeholt hat, bleibt im Grunde seines Wesens durchaus ein deutscher und katholischer Mensch.“

Benno Rüttenauer liebte Oberwittstadt. Besonders der alternde Dich­ter kam Sommer um Sommer ins Hasselbachdorf. Immer hatte er im Kel­ler seines Münchner Dichterheimes ein Fäßchen „Wittschter Mouscht“. Wenige Monate vor seinem Tod schrieb er an den auch verstorbenen Lehrer Emil Baader über Oberwittstadt:

Vom Leben zu versäumen
Hab ich nicht mehr viel:
Nahe rückt dasdunkle Ziel,
übrig bleibt ein karger Rest!
Gern möcht ich ihn verträumen
Unter weißen Blütenbäumen
In dem heimatlichen Nest!

Viele Oberwittstadter haben Benno Rüttenauer wiedergeliebt. Zu sei­nem 75. Geburtstag wurde er Ehrenbürger von Oberwittstadt. In seinem Dankbrief schrieb der Vielgeehrte: „Alle Ehrenbürgerrechte, die mir Universitäten und Weltstädte verliehen haben, verblassen gegen diesen Ehrenbürgerbrief von Wittscht. In der großen Stadt, da bin ich nur einer von vielen, hier aber, in Wittscht, da bin ich der 1. Ehrenbürger seit der Erschaffung der Welt!“

Im abgebrochenen Gasthaus „Hirschen“, wo der Dichter bei seinen Besuchen gern weilte, war ein Dichterwinkel mit all seinen Werken eingerichtet. Sie sind heute verschwunden. Unter Glas hing eine eben­falls verschwundene Speisekarte, auf der er eine „Handvoll deutsche Sprichwörter“ gereimt hatte. Nur zwei davon:

„Wer Pech anrührt, besudelt sich—”
Schmieriger Mensch lobhudelt dich.

„Steter Tropfen höhlt den Stein —”.
Vorzieht der Tropf, selbst hohl zu sein.

Die Wiederkehr des 100. Geburtstages von Dr. Benno Rüttenauer fei­erte Oberwittstadt 1955 mit der Enthüllung einer Gedenktafel am Ge­burtshaus und mit einer Feierstunde. Oberlehrer Julius Bier hielt die Festrede, der Kirchenchor sang, und Lehrer Wohlfarth las den Ab­schnitt aus dem „Alexander Schmälzle“, in dem der kleine „Lexel“, der viele Züge Rüttenauers trägt, erzählt, wie er (1866) während der preu­ßischen Besetzung bei einem Feldgottesdienst mit samt dem Ast eines Weichselbaumes dem Feldprediger zu Füßen stürzte. Die Kanzel des Predigers soll dort gestanden sein, wo heute die zwei Feldscheunen (von Hügel und Göbel) hinter der Volksschule stehen.

Diese Worte sollen eine weitere Station auf dem Weg der Verehrung des Dichters sein. Sie können seinen Ruhm nicht mehr vergrößern, aber sie sollen die Liebe der Wittschter zu ihrem großen Dichter neu er­wecken und vertiefen.

Walter Brecht, Oberwittstadt 1975

Zu diesem Artikel:
Oberwittstatdt – heute ein Ortsteil von Ravenstein in Baden – feierte 1975 sein 1200-jähriges Bestehen. Zu diesem Anlass erschien die Festschrift „1200 Jahre Oberwittstadt“. Der vorstehende Artikel ist dieser Festschrift entnommen. Die Veröffentlichung hier erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors Walter Brecht.

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