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15/01/2011 / bennoru

Gabriele Reuter

München, Juni 2012 (zuletzt aktualisiert Dezember 2016)

Gabriele Reuter (1859 – 1941) war Schriftstellerin. Mir ihrem Roman Aus guter Familie (1895) gelang ihr der große Durchbruch. Zitat Katja Mellmann: Der Roman wirkte, als er Ende 1895 erschien, wie ein Aufschrei und machte die Autorin über Nacht berühmt.

Benno Rüttenauer schrieb eine Rezension in: Die Nation. Wochenschrift für Politik, Volkswirtschaft und Litteratur (1895/96) Die Rezension kann man hier lesen,

Ein zentrales Thema ihrer Werke ist der Geschlechter- und Generationenkonflikt. Wegen Ihres tiefen Verständnisses galt sie als „Dichterin der weiblichen Seele“. Viele Werke beinhalten eine unverhohlene Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen der Zeit und an der bürgerlichen Moral. Eine Welle der Entrüstung löste ihr Roman Das Tränenhaus (1908) aus. Sie schildert hier schonungslos die Zustände in einem Haus für ledig Gebärende. Es sind ihre eigenen Erfahrungen! Sie selbst hatte in einer solchen Einrichtung 1897 ihre Tochter Elisabeth (Lili) zur Welt gebracht.

Der Vater blieb unbekannt – mehr als 100 Jahre lang. Bis Ulrich Hauer in seinem Aufsatz Gabriele Reuter. Jugendjahre in Alt- und Neuhaldensleben. In: Jahresschrift der Museen des Landkreises Börde. Bd. 49 (16). Haldensleben 2009, S. 37-74 die Vaterschaft offen legte. Zitat:

Die Rassengesetze Hitlerdeutschlands erzwangen dann doch die Offenlegung aller Vor­fahren Elisabeths. 1936 beurkundete der in München ansässige Schriftsteller und Real­lehrer außer Dienst Dr. phil. Benno Rüttenauer seine Vaterschaft.

Anmerkung: beurkundet im Geburtsregister Standesamt Erbach/Donau

 In ihren Essay Das Problem der Ehe (1907) stellt Gabriele Reuter  einleitend fest: Daher kommt es denn auch, dass alles, was über diesen Gegenstand geschrieben und geredet wird, und sei es in den würdevollsten wissenschaftlichen Mantel gehüllt, doch von den eigenen intimsten Erfahrungen des Schreibenden oder Redenden seine Färbung erhält – mehr als bei irgend einer anderen Frage von allgemeiner Bedeutung. Und an einer zentralen Stelle fordert sie: Es ist von einem Manne, der, wie die Verhältnisse liegen, spät in die Ehe tritt, nicht zu erwarten, dass er keine Liebeserlebnisse gehabt haben soll – aber er sehe zu, dass er sich ihrer vor Gattin und Sohn nicht zu schämen brauche.

Heute wissen wir, an wen sie dabei dachte. Benno Rüttenauer hatte 1904 mit 49 Jahren spät geheiratet. Und wahrlich, seiner Beziehung zu Gabriele Reuter brauchte er sich nicht zu schämen. Bei seiner Beziehung zur Dame des Tagebuchs (siehe Artikel Tagebuch einer Dame) fällt das Urteil weniger eindeutig aus.

Benno Rüttenauers Roman Zwei Rassen (1998) trägt die Widmung „Meiner guten Freundin Gabriele Reuter“. Das Erscheinungsjahr ist gleichzeitig das Geburtsjahr der gemeinsamen, unehelichen Tochter Elisabeth, aber entstanden ist das Werk sicherlich schon früher.
Paul, der Protagonist des Romans, der ganz offensichtlich autobiografische Züge aufweist, trägt sich mit dem Gedanken, zu heiraten, und überlegt:
„Louise gerade würde die Frau sein, wie er sie brauchte. Denn nichts anderes verlangte er von seiner Frau, als dass sie ihm das Bett und die Stube machte, und für einen warmen Herd und eine warme Suppe sorgte, dass ihre Körperlichkeit seinen Sinnen zur Freude und ihr ruhiges und heiteres Gemüt seinem angestrengten Geiste zum friedlichen Ausruhen gereichte.“
Wird hier Rüttenauers Verständnis von der Rolle der Frau offenbart? Ich fürchte, ja. Jedenfalls kann man getrost davon ausgehen, dass sich Gabriele Reuter, selbstbewusst und große Dichterin, niemals auf eine solche Rolle reduzieren lassen wollte.

Eine zu Unrecht vergessene Schriftstellerin – so überschreibt Klaus-Werner Haupt seinen aktuellen Aufsatz über Leben und Werk der Gabriele Reuter in weimar-lese.de. So ganz scheint sie aber doch nicht vergessen zu sein, wenn man sieht, wie viele neu aufgelegte Bücher und eBooks bei Amazon heute wieder zu haben sind. Bei Thalia gibt es ein ähnlich umfangreiches Angebot. Gut so!

C.R.
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